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Samstag, 16. September 2006
Straub / Huillet / Pavese (II)

Allegro moderato

Text im Presseheft des französischen Verleihs Pierre Grise Distribution

Warum ? Weil :
Der Mythos ist nicht etwas Willkürliches, sondern eine Pflanzstätte der Symbole, ihm ist ein eigener Kern an Bedeutungen vorbehalten, der durch nichts anderes wiedergegeben werden könnte. Wenn wir einen Eigennamen, eine Geste, ein mythisches Wunder wiederholen, drücken wir in einer halben Zeile, in wenigen Silben, einen zusammengesetzten und komprimierten Sachverhalt aus, das Mark der Realität, das einen ganzen Organismus der Leidenschaft, der menschlichen Befindlichkeit belebt und nährt – einen ganzen begrifflichen Zusammenhang.
Und wenn dieser Name, diese Geste uns seit der Kindheit, seit der Schule, vertraut sind – umso besser. Die Unruhe ist wahrhaftiger und schärfer, wenn sie eine vertraute Sache zersetzt. Wir wissen, daß die sicherste – und die schnellste – Art sich in Erstaunen zu versetzen ist, einen selben Gegenstand starr anzuschauen. Eines schönen Tages – o Wunder – wird uns dieser Gegenstand erscheinen, als hätten wir ihn noch nie zuvor gesehen.

„Du sahest den Olivenbaum an, den Olivenbaum auf dem Weg, den du seit Jahren jeden Tag gegangen bist, und dann kommt der Tag,
Wo der Verdruß dich verläßt,
Und du siehst den alten Stamm zärtlich an,
So als ob er ein wiedergefundener Freund wäre und dir ganz genau das einzige Wort sagte,
Das dein Herz erwartete.“


Wie ? Mit :
– Darstellern (4 Frauen und 6 Männer), die ein Jahr lang mit ihrem Text gelebt haben, ihn gezähmt haben, ihn fühlbar und sinnlich gemacht haben.
– Renato Berta an der Kamera – eine alte Freundschaft, seit OTHON in Rom, 1969.
– Jean-Pierre Duret, ein guter Komplize, der für uns beim Ton die Nachfolge von Louis Hochet übernommen hat, seit SICILIA!

Wo ?
An einem Ort, dem Monte Pisano, einsam gelegen zwischen dem Meer, Pisa und den Apuanischen Alpen, noch derart, daß:

„Ein Nichts genügt, und das Gelände wird wieder das gleiche wie damals, als diese Dinge geschahen.“

„Es genügt ein Hügel, ein Gipfel, ein Abhang.
Daß es ein einsamer Ort ist und daß deine Augen hinaufsteigend im Himmel anhalten werden.
Das unglaubliche Hervorstechen der Dinge in der Luft
rührt heute noch ans Herz. Ich für mich glaube,
daß ein Baum, ein Fels, die sich gegen den Himmel abzeichnen,
Götter waren von Anbeginn an.“


Danièle Huillet & Jean-Marie Straub

***

Furioso con fuoco

Text der Erklärung, die Jean-Marie Straub am 6. September 2006 bei der Pressekonferenz in Venedig von der Schauspielerin Giovanna Daddi verlesen ließ. (Wegen gesundheitlicher Probleme, so hatte Festivalleiter Marco Müller vorher erklärt, waren Jean-Marie Straub & Danièle Huillet nicht nach Venedig gekommen.). Während der Lesung wurde die Abfolge des Textes der in Kopien auch in die Pressefächer gelegten zwei Briefe (drei Seiten / Faksimiles ) geändert. Die Übersetzung folgt der Reihenfolge der Lesung –

Das ist zu früh gekommen für unseren Tod, aber zu spät für unser Leben.
Auf jeden Fall danke ich Marco Müller für seinen Mut. Aber was erwarte ich mir davon? Nichts. Wirklich nichts? Doch, eine kleine Rache. Eine Rache „gegen die Intrigen des Hofes“, wie es in La Carrozza d’oro heißt. Gegen all dieses Gesindel.
Warum Pavese? Weil Pavese geschrieben hat:
„Kommunist ist nicht, wer will. Wir sind zu unwissend in diesem Land. Man bräuchte Kommunisten, die nicht unwissend wären, die den Namen nicht verdürben.“
Und auch:
„Wenn einstmals ein Feuer genügte, um Regen zu machen, darauf einen Landstreicher zu verbrennen, um eine Ernte zu retten – wieviele Häuser von Herren muß man in Brand stecken, wieviele umbringen auf Straßen und Plätzen, bevor die Welt sich zum Gerechten wendet und wir das Unsere sagen können?“
Pavese läßt den Bastard sagen: „Vorgestern bin ich unterhalb der Mora vorbeigekommen. Die Pinie am Zaun ist nicht mehr da ...“ Nuto antwortet: „Der Verwalter hat sie fällen lassen, Nicoletto. Der Unwissende ... Er hat sie fällen lassen, weil die Zerlumpten im Schatten stehen blieben und bettelten. Verstehst du?“
Nochmals Nuto, an einer anderen Stelle:
„Bei dem Leben, das er führt ... ich kann ihn nicht Trottel heißen ... Wenn es nützte ...
Erst muß die Regierung das Geld verbrennen und den, der es verteidigt ...“
Alles Gute !
Jean-Marie Straub

VIERTER DRITTER AKT
Ich war
1. 1954 als Journalist bei der Mostra di Venezia und habe mich entschieden, über drei Filme zu schreiben: SANSHO DAYU, EL RIO Y LA MUERTE und REAR WINDOW. Keine Preise!
2. 1963 bei der Mostra (im Kurzfilm-Wettbewerb) mit meinem ersten Film MACHORKA-MUFF (1962). Kein Preis.
3. 1966 bei der Mostra mit NICHT VERSÖHNT (1965). Die Vorführung wurde von Godard bezahlt.
4. [1967] bei der Mostra mit der CHRONIK DER ANNA MAGDALENA BACH.
5. in Venedig für eine Retrospektive (1975 ??) (gewollt von Gambetti) aller unserer Filme bis einschließlich MOSES UND ARON (1974).
6. bei der MOSTRA D’ARTE CINEMATOGRAFICA mit Quei loro incontri – für einen BRÜLLENDEN Löwen.

Außerdem könnte ich nicht auf einem Festival feiern, wo es so viele staatliche und private Polizei auf der Suche nach Terroristen gibt – der Terrorist bin ich, und mit einem Satz von Franco Fortini will ich Euch sagen: Solange es den amerikanischen, imperialistischen Kapitalismus gibt, wird es nie genug Terroristen auf der Welt geben.
Jean-Marie Straub

***

Cadenza

„Reuters“-Meldung, hunderttausend- oder millionenmal im Netz verbreitet und auf Papier gedruckt –

Cryptic film baffles Venice festival

VENICE (Reuters) – The Venice film festival has a reputation for screening obscure auteur movies. But Daniele Huillet and Jean-Marie Straub's QUEI LORO INCONTRI, or THE MEETING, must rank among the most baffling films ever shown in the prestigious festival's main competition.
The picture is divided in five parts, each featuring two people delivering philosophical dialogues between classic Greek characters. The conversations about humanity are those of the „Dialogues with Leuco“ by Italian writer Cesare Pavese, and in the film they are interspersed with long silences. Nothing happens. The characters stand still in a wood or on a hill and in the opening chapter are mostly seen from the back. Apart from their voices, the only other noise is that of birds singing and water streams trickling.
At a media screening this week, film critics started walking out barely 10 minutes into the one-hour movie, although it did win applause by a group of fans.
The French-born filmmakers directed another movie on the same work by Pavese 27 years ago. Now both in their 70s, they could not come to Venice because of health problems. Straub however sent a message, almost as cryptic as his work.
He thanked festival director Marco Muller for his „courage“ in picking THE MEETING for the competition, noting that his previous films had never won in Venice. Then he added, apparently referring to the tight security on the Lido:
„I would not be able to celebrate in a festival where there are so much public and private police looking for a terrorist. I am that terrorist. As long as American imperialistic capitalism exists, there won't be enough terrorists in the world. All the best, Jean-Marie.“
Asked about the meaning of the film, a member of the mostly non-professional cast told Reuters: „You should ask the directors, I am not a cinema expert. But these are dialogues about how the world goes.“
The film was panned at a popular public notice board on the Lido where ordinary movie-goers scribble their views.
„Please tell us: is this a mega joke?“ one asked. Another advised the directors: „If you were traumatised as a child, you should go and see a psychiatrist.“

Silvia Aloisi

***

Wettbewerb?

8.9.06

Lieber Klaus,

was soll ich Dir schreiben über Straub-Huillet auf der Biennale in Venedig? In QUEI LORO INCONTRI begegnen sich Götter und Menschen. Sind solche Begegnungen in Venedig möglich oder nachvollziehbar? Was soll dieser Film im Wettbewerb? Doch wohl bezeugen, daß man die Trennung der Welt in Kommerz und Kunst, in Filmindustrie und Filmhandwerk radikal in Frage stellen will. Ein Akt des Widerstands gegen die Ausbürgerung ins Filmkunstghetto.

Ich war nicht in Venedig, aber die Anwesenheit der Darsteller aus Buti muß ein Politikum gewesen sein inmitten einer Schau, die mit den Filmen die Körper vermarktet. Es muß für sie schön gewesen sein, ihren Film am Lido zusammen mit vielen Menschen zu sehen, die sich für solche Filme interessieren. Trotz eines Publikums, das wenig mit so einer Aufführung anfangen kann. Aber die Straubs arbeiten nicht für „das Publikum“.

Ein erster Blick auf die Presse zeigt, daß nur Zeitungen wie „Il Manifesto“ und „L’Unità“ vom Film gesprochen, also mit den Augen ihrer Kritiker (Roberto Silvestri und Enrico Ghezzi) den Film gesehen haben. In der Berichterstattung der großen Zeitungen wie „Repubblica“, „La Stampa“, „Corriere della Sera“ usw. gab es am 8.9. keine Filmkritik, sondern nur höflich korrekte, d.h. leicht empörte Kommentare zum Brief, den Straub-Huillet in Venedig verlesen ließen. [...]

Am Abend des 7. September konnte man im Fernsehen [auf RAI Tre] in der populären Sendung „Blob“, die den Fernsehmüll des Vortags kritisch und witzig zusammenfegt, einen leidenschaftlichen Appell von Enrico Ghezzi für Straub-Huillet, für den Film und den heute wieder unverstandenen Text von Cesare Pavese sehen.

Herzlich,
Peter

***

Außerhalb der Zeit – Straub & Lynch

Am Sonntag, dem 10. September, konnte man auf RAI Tre in dem von Enrico Ghezzi redaktionell betreuten Nachtprogramm „Fuori Orario“ von 0.25 Uhr bis 5.35 Uhr am nächsten Morgen dies hier alles am Stück sehen –

LA NUBE, LA RESISTENZA: QUEL LORO INCONTRO

QUEI LORO INCONTRI – primavisioneTV / (Italia / Francia 2006, 68’)
di Danièle Huillet e Jean-Marie Straub.

QUEI LORO INCONTRI (VERSIONE TEATRALE) – primavisioneTV / (Italia 2006, 68’)
di Romano Guelfi. Ripresa dello spettacolo teatrale di Danièle Huillet e Jean-Marie Straub, realizzata al teatro di Buti, dove la coppia di registi ha messo in scena il testo di Pavese da cui successivamente hanno tratto il film QUEI LORO INCONTRI.

J’ECOUTE! – primavisioneTV / (Italia 2006, 60’)
di Giulio Bursi. Immagini dal set di QUEI LORO INCONTRI di Huillet / Straub.

STRADE PERDUTE (Lost Highway, USA / Francia 1996, 128’)
di David Lynch.

***

Finale?

Ein Kommentar und Spekulationen von Tag Gallagher zu Hintergründen der Jury-Entscheidung für den BRÜLLENDEN Löwen.
Weitere Beiträge dazu.
Ein Kommentar zum Schriftlichen bei Straub/Huillet von Andy Rector. Dazu – als Reminiszenz – dies zur Ablehnung einer Co-Produktions-Anfrage für den zweiten CÉZANNE-Film der Straubs von arte France

„La forme, d'abord: écrit sur une vieille machine à écrire [...] Bref, on lit lentement, avec effort, et c'est n'est pas du tout agréable. Ils n'ont pas d'ordinateur?“

Nein, sie haben keinen Computer. Aber ist es nicht irgendwie wunderbar, wie sogar in einem solch negativen Kommentar – „Man liest langsam, mit Anstrengung, und das ist überhaupt nicht angenehm“ – sich ein Aspekt der Straub-Arbeit in nuce wiederfindet, und wie auch dies – wenn man es nur wüßte, oder wollte – als durchaus positiv gelesen werden könnte?

„Kunst ist schön. Macht aber viel Arbeit!“ (Karl Valentin)

***

Spektrum der Kritik – Von der Kloake zum Mythos

[...] Noch enttäuschender der Wettbewerbsbeitrag der französischen Kino-Avantgardisten Huillet und Straub. Da schwafeln minutenlang unansehnliche, schlecht gekleidete Paare, die wohl einer Art Halbgötterkaste angehören, über die Probleme der gewöhnlichen Sterblichen. Ihr Blutvergießen, ihre Fragilität und Unwissenheit. Dazu gibt es einige Naturaufnahmen mit sinnentleerten Kameraschwenks.
Ein würdiger Beitrag zum Genre des Scheißfilms also: prätentiös, gewollt langweilig und konstruiert. Was hier als intellektuell anspruchsvoll verkauft wird, ist nichts anderes als humanistisches Bildungs-Gepose, das selbst auf einer staatlich geförderten Theaterbühne nur ermüden würde. Wenn das Avantgarde sein soll, dann lieber Omas altes Erzählkino. Fast parallel lief übrigens auf dem TV-Sender RAI Uno die WM-Final-Revanche Frankreich gegen Italien. Da steckten schon in den ersten 30 Minuten mehr Dramatik, mehr Spielwitz und mehr starke Charaktere als in Huillet-Straubs sperrigem Dialogstück. Hätte man irgendwie ahnen können.
Matthias Schmidt – „stern.de“, 7. September 2006


[...] Ein älteres Paar steht mit dem Rücken zur Kamera in der toskanischen Landschaft und deklamiert einen Dialog von Cesare Pavese. Manchmal wechselt die Einstellung, und man sieht sie einzeln, manchmal wenden sie sich sogar leicht zur Seite. Das ist der erste von fünf Dialogen, und er dauert eine knappe Viertelstunde. Das Kino verdankt den Straubs und ihrer Widerborstigkeit eine Menge, aber in einem Wettbewerb verflüchtigt sich jede Provokation ins Stühleklappen derer, die das Kino vor der Zeit verlassen.
Michael Althen – „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 8. September 2006


[Straubs] neuer Film besteht aus Schauspielern, die mit dem Rücken zur starr montierten Kamera in freier Natur stehen und einen Text von Cesare Pavese eigentlich nicht lesen, sondern möglichst tonlos herunterleiern. Nichts Neues vom Grammatiklehrer Straub also. Pavese, so viel darf man sagen, hätte den Film gehaßt. Den meisten Kritikern ging es nicht anders, und so verschmolz das ununterbrochene rhythmische Stühleklappern mit den Rhythmus der tonlosen Stimmen. Wer drin blieb, tat das, so mein Eindruck, mit derselben Haltung, mit der man eine Messe besucht: Bei wenigen Inbrunst und inniger Glaube, bei einigen der Versuch sich meditativ zu leeren, beim Rest eine Mischung aus Pflichtübung und der Sehnsucht nach einem ruhigen Pol inmitten des Festivalhurrikan, nach der Möglichkeit, einmal an alles zu denken, außer an Kino. Wenn das der Sinn des Kinos ist ...
Der Sinn des Löwen fürs Lebenswerk liegt daher wohl eher in politischer Solidarität. [...]
Rüdiger Suchsland – „artechock.de“, 10. September 2006


[...] Wenn ein glanzloses Programm auch noch beschwert wird von Altmeistern, die Dauerkarten besitzen, kann man sich fragen, ob denn diese selber damit glücklich sind. Jean-Marie Straub, der mit der szenischen Deklamation von Paveses „Dialoghi con Leucò“ exakt in den Stil seiner letzten Teilnahme an einem großen Festival, dem Berlinale-Beitrag DER TOD DES EMPEDOKLES vor zwanzig Jahren, zurückfiel, gefiel es gar nicht am Lido. Das Statement, das er teils handgeschrieben, teils in alter Maschinenschrift kopieren und verteilen ließ, ist ein trauriges Manifest. [...]
Daniel Kothenschulte – „Frankfurter Rundschau“, 11. September 2006


[...] Die weiteren Preise bergen größere Überraschungen. Einen Speziallöwen etwa vergab die Jury unter Vorsitz Catherine Deneuves an Jean-Marie Straub und Danièle Huillet für ihr sprödes Filmessay QUEI LORO INCONTRI. Und das, obschon noch am Freitag in den Pressefächern ein handgeschriebener, kopierter Zettel lag, auf dem Straub – weder er noch seine Gefährtin Huillet waren zur Pressekonferenz und zur Premiere des Filmes angereist – klagte: „Im übrigen kann ich im Rahmen eines Festivals, auf dem soviel öffentliche und private Polizei ist, die nach einem Terroristen suchen, nichts feiern – ich bin der Terrorist, und ich sage Euch, indem ich Franco Fortini paraphrasiere: Solange es den imperialistischen amerikanischen Kapitalismus gibt, kann es auf der Welt nicht genug Terroristen geben.“
Gut, daß Straubs und Huillets Filme sich auf einer anderen Ebene bewegen als solche verbitterten Botschaften, gut, daß die künstlerische Radikalität der beiden vielschichtiger ist als der politische Kommentar – und umso besser, daß die Jury eines großen A-Festivals dies anzuerkennen imstande ist. Es ist ein guter Schritt nicht nur für QUEI LORO INCONTRI und dessen Reflexion über das Fortbestehen des Mythos in der Gegenwart, es ist auch eine klare Positionierung: Die Jury feiert mit ihrer Entscheidung die Vielfalt dessen, was Kino sein kann. Das Spröde, Theoretische wird nicht gerade noch am Rand geduldet, sondern anerkannt, ein Film, der sich als Denkaufgabe statt als Herzenssache, als Reflexion statt als Emotion, als Essay statt als Aktion begreift, wird geehrt.
Cristina Nord – „die tageszeitung“, 11. September 2006

***

Die Mühsal der Worte

Wenn Götter Konversation machen, das müßte eigentlich prächtiger Kinostoff sein, auf den Hügeln über den Städten der Menschen, von oben herab reflektierend über deren Sorgen und Macken. Und dazwischen immer wieder Klagen über die eigene Unsterblichkeit, gegen die dann die Sterblichkeit der Menschen, ihr Bemühen um Erinnerung, Vorausschau, Geschichte plötzlich gar nicht so schlecht wegkommt: „Überall wo sie Mühsal und Worte anwenden“, sagt zum Beispiel Dionysos zu Demeter in einem der Dialoge, „wird ein Rhythmus, ein Sinn, ein Zustand der Ruhe geboren...“

Man könnte meinen, es sei auch die Arbeit von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet mit diesem Satz beschrieben. Und als könnte ein Film von ihnen in einem großen Wettbewerb jenen Ruheraum schaffen, der hier beschworen wird – so hat es sich offenbar auch Marco Müller gewünscht, der Festivalleiter in Venedig, als er QUEI LORO INCONTRI auswählte. Und die Bereitschaft seiner Zuschauer zur Konzentration überschätzte. Schlimmer noch als solches Desinteresse aber sind womöglich all jene Versuche, den Straubs pflichtschuldig ihre filmhistorische Wichtigkeit zu attestieren – aber sie dann doch aus dem Wettbewerb wieder hinauszukomplimentieren.

An diesem Samstag und Sonntag wird QUEI LORO INCONTRI im Münchner Filmmuseum seine deutsche Erstaufführung haben – wo Straub/Huillet seit langem eine Heimat gefunden haben. Der neue Film ist wie eine Rückkehr – 1978 hatten sie DALLA NUBE ALLA RESISTENZA gemacht, nach Texten von Pavese, unter anderem sechs der „Dialoge mit Leucò“. Fünf weitere dieser Dialoge sind nun im neuen Film – und dazu eine erschütternde Ahnung davon, was sich im Vierteljahrhundert dazwischen verändert hat. Fast unbeschwert wirkt heute, wie man damals, in den Siebzigern von Aufbruch und Anarchie handeln konnte. Nun scheinen die Götter- und Menschenwesen, die da miteinander ins Gespräch kommen wollen – auch Hesiod ist unter ihnen –, ratlos zwischen den Felsen und Bäumen zu erstarren.

Der Mythos ist eine Sprache, sagt Pavese – kurz bevor Barthes das zur Parole des Strukturalismus machte. Die „Dialoge mit Leucò“ sind in den Jahren nach Ende des Weltkriegs entstanden. Was wie eine Flucht in die Antike, wie Eskapismus aussieht, ist in Wahrheit hochaktuell. Dieses Buch – und die beiden Filme von Straub/Huillet – handeln vom Tod, von der Zerstörung der Körper, von der Frage, wie das Erzählen mit den menschlichen Bedürfnissen zusammengebracht werden kann. Mit dem Widerstand ist der Kampf gegen den Faschismus gemeint, aber auch jene Resistenz, die die Materie allen Gedanken entgegensetzen muß. 1950 hat Pavese seinem Leben selbst ein Ende gesetzt, seine letzten Sätze vorn in seine Ausgabe der „Dialoge“ geschrieben. „Du gibst den Dingen eigene Namen“, sagt Hesiod zu Mnemosyne, „die sie anders machen, unerhört und doch lieb und vertraut wie eine Stimme, die seit langem schwieg. Oder wie das jähe Sich-Erblicken in einem Spiegel von Wasser, der uns sagen läßt: Wer ist dieser Mensch?“

Fritz Göttler – „Süddeutsche Zeitung“, 9. September 2006

____________________________

Zusammenstellung: Klaus Volkmer
Photos aus der Filmkopie: Gerhard Ullmann

Dank an: Enrico Ghezzi, Romano Guelfi, Peter Kammerer, Petra Maier-Schoen, Markus Nechleba, Andy Rector, Giovanna Runggaldier.




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